Definition von Bewusstsein 9/24/2008

Definition von Bewusstsein   Dr.M.Tolon

Im folgenden möchte ich Gedanken zum Wesentlichen des Begriffes Bewusstsein“ darstellen.

Man versucht, Nervenzellen unter dem Elektronenmikroskop zu untersuchen oder mit Hilfe des  “Neuro-imaging” bei der Magnetresonanz-Tomographie dem Geheimnis des Bewusstseins auf die Spur zu kommen.

Drei Aspekte sind notwendig für das Verständnis des Konzeptes:

1.   die Perspektive aus der Sicht der Evolutionswissenschaft 2.   die Wahrnehmung von Zeit …und nicht zuletzt 3.   das Konzept von „selbst – nicht-selbst“(self-non self) (ich-die anderen). Basiswissen – wie z.B. über  die Entwicklungsgeschichte  des Auges – ist  Voraussetzung   zum besseren Verständnis.

Stellen Sie sich einmal vor, wie die ersten Lebewesen begonnen haben mögen, lichtempfindliche Zellen zu entwickeln, die sich dann im Laufe der Zeit zu einer Funktionseinheit zusammengeschlossen haben, mit deren Hilfe die Richtung, aus der das Licht kommt, wahrgenommen werden kann. Der Weg von den ersten Zellen, die sich auf Licht spezialisiert haben, bis zum Homo Sapiens und unserem Auge  ist lang. Unser Gehirn benötigt  mittlerweile selbst in Ruhe etwa  20% der gesamten aufgenommenen Energie für “Denkarbeiten” , z.B. für die Auswertung dessen, was wir sehen.

So ist ein gewisses Verständnis für die Evolution genauso unabdingbar  wie die Entwicklung einer fundierten Vorstellung von der “Zeit“. Ich empfehle meinen Studenten nicht irgendeine wissenschaftliche Abhandlung, sondern einen Roman als Hilfe für ein tieferes Verständnis von „Zeit“: „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny.

Zum 3. Punkt: Die Idee, „Bewusstsein“ auf diese Weise zu definieren, entwickelte sich langsam während meiner Arbeit am Buch „Bias is beautiful“. Die Unterscheidung zwischen  self / non-self „selbst – nicht-selbst“ beginnt bereits mit der Entwicklung der allerersten lebenden Zelle!, d.h. bereits die erste Zelle fängt an, zwischen „selbst“ und „nicht selbst“ zu unterscheiden. Daher beruht unsere Fähigkeit zur Wahrnehmung im Grunde nur auf der Extrapolation dieses  Grundmechanismus: der Unterscheidung von  „selbst / „nicht selbst“ bzw. „gut für mich“ (oder was wir dafür halten) und „nicht oder weniger gut für mich“. Mit all unseren Sinnesorganen versuchen wir, die Impulse unserer Wahrnehmung auszuwerten mit all den dadurch bedingten Abweichungen (bias) und auch „Vorurteilen“, die ja im Prinzip nichts anderes sind als kulturelle oder auf eigener  Erfahrung beruhende  Arbeitshypothesen.

Beschränkt durch unsere biologischen Wurzeln haben wir gar keine andere Möglichkeit als die, die Welt durch  „Diskriminierung“ wahrzunehmen. Eine Zelle erkennt Fremdproteine als „nicht selbst“ ebenso wie ein Organismus einen „Fremdkörper“ erkennt oder die eine Gesellschaft eine andere eben als „andersartig“ empfindet. All unsere Sinne haben sich naturbedingt so entwickelt, dass wir Fremde und Fremdes als   potentielle Gefahr wahrnehmen. Unsere Sinne und damit auch unser Denken sind entstanden als  Extrapolation aus einer  Vielzahl  wahrgenommener Basisimpulse mit all ihren „Abweichungen“ (bias) und Vorurteilen.

Stellen Sie sich folgendes vor: In vorgeschichtlicher Zeit wird ein Volksstamm so gross, dass sich einige Familien abspalten und mit der Zeit einen neuen Stamm  gründen. Unterschiedliche Sprachen werden entstehen, die ursprüngliche Vertrautheit und Interaktion wird ersetzt durch Rivalitäten, Feindseligkeit, ja sogar Kriege. Und was passiert mit denen, die im gleichen Stamm geblieben sind?  Auch hier wird es Rivalität innerhalb der Gruppe zwischen benachbarten Familien oder gar unter Geschwistern geben. Jede Familie wird versuchen, für ihre eigenen Kinder eine bessere Ausgangsposition zu erreichen.

Die Menschen fühlen sich in einer Gruppe mit gleichgesinnten, ähnlichen Leuten sicherer und sie fühlen sich bedroht oder unsicher,  wenn die Leute anders aussehen, sprechen und sich abweichend verhalten. Die Stärkeren – oder die, die sich für stärker halten – werden versuchen, die Schwächeren zu kontrollieren und Macht zu erlangen. Menschen werden  immer versuchen,  „die anderen“  in ihre Schranken zu verweisen und auch bereit sein, für dieses Ziel zu kämpfen oder zu lügen.

Unterschiedliche Philosophien sind entstanden, unterschiedliche Kulturen und Religionen. Wir kommen immer wieder zu der Erkenntnis, dass wir Gleichgewicht brauchen. Yin und Yang sind ebensolche Realitäten wie z.B. Faulheit und Fleiss oder Wohlwollen und Neid.  Konzentration auf nur eine Seite,     Bewunderung oder gar Verbietenwollen oder Hass  auf die andere macht diese  nicht unwahr. Auch die Dualität von Leib und Seele ist m.E  nur das Resultat unseres (Un-)Vermögens der Wahrnehmung. Ergo glaube ich, dass das Bewusstsein das Resultat der Summe dieser Basisimpulse von “selbst” und “nicht selbst” ist.

Nur bei einigen wenigen Menschen  wird die Transzendenz oder besser die Fähigkeit zur Transzendenz, zur Abstraktion dieser Dualität  deutlicher.

Alles ist der Veränderung im Laufe der Zeit unterworfen: Unsere Sichtweise als hilfloses Kleinkind unterscheidet sich von der, die wir als junger Erwachsener oder gar im Alter haben. Ein gesunder Mensch mag Mitgefühl mit einem Kranken haben, aber dessen Leiden verstehen kann er nicht. Ein reicher Mensch sieht die Welt anders als ein armer. Wenn wir diesen Gedanken zu Ende denken, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass es auf der Welt nicht zwei Menschen mit genau den gleichen Empfindungen gibt – und selbst die ändern sich ja mit der Zeit.

Mit anderen Worten ausgedrückt: die Sichtweise eines jeden Einzelnen wird geprägt von Vorurteilen, die wiederum in ihrer Ausprägung abhängen von den Lebensumständen wie der Familie, der Kultur, des Landes, in dem er geboren und aufgewachsen ist, der gesellschaftlichen Schicht bzw. der Rolle, die z.B. die Eltern in einem System einnehmen, des Geschlechts, Alters, Gesundheitszustands oder auch besonders des Klimas…etc…

Wenn wir also davon ausgehen können, dass Vorurteile allgegenwärtig sind, sollte die folgende Frage doch erlaubt sein: Könnten Vorurteile nicht ein gemeinsamer Nenner sein? Ich meine: ja!

Sich dessen „bewusst“ zu werden, Verständnis dafür zu entwickeln, dass jeder seine Umgebung und die Welt nur aufgrund dieser kumulativen Einwirkung von „selbst – nicht selbst“ – Impulsen wahrnehmen kann, würde  einen grossen Schritt bedeuten auf dem Weg  zu besserer Kommunikation.

Bei unserer interessengeleiteten Erkenntnis und Wahrnehmung geht es doch nicht nur darum, was für uns nützlich bzw. unnütz oder gar schädlich ist. Wie oft erweisen sich unsere Vorstellungen davon, was für uns gut und richtig zu sein scheint, als falsch, die Geschichte ist voll von Kriegen, in denen alle beteiligten Seiten zu leiden haben – egal ob Gewinner oder Verlierer –  mag der Schaden einen einzelnen Menschen betreffen, eine ganze Gesellschaft oder gar die Natur. Wir sind halt „von Natur aus“ beschränkt in unserer Wahrnehmungsfähigkeit.

Die Definition von Bewusstsein  ist einfach:

Bewusstsein ist das Gesamtergebnis  aller Einwirkungen der “selbst – nicht selbst” – Impulse im Laufe der Evolution bzw. im Laufe der Lebensspanne eines Individuums.

PsDieses Postulat ist publiziert auf meiner Webseite zur Besichtigung da es nur Formen annehmen wird wenn andere und deren Befunde es unterstützen. Eine letzte Bemerkung an den werten Leser: Finden Sie es zu simpel und durchmischt von zuviel Sozialwissenschaften und Biologie? Nun ich glaube es ist gut, das man auch hierüber nachdenkt.

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